Liebe Barsbüttlerinnen und Barsbüttler,

ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als junge Studentin zum ersten Mal Patentante wurde – lange bevor ich an eigene Familienplanung dachte. Ich wollte mein Patenamt durchaus ernst nehmen und sprach in familiären Erziehungsfragen meine Meinung offen aus. „Krieg’ du man erst mal selber Kinder„ – schallte es dann aus Elternmund zurück.

Ist das so? Dass ich nur mitreden kann bei Dingen, die ich selbst erlebt und erfahren habe? Wie ist das mit der menschlichen Empathie, auch Lebenswege oder Schicksalsschläge nachvollziehen und begleiten zu können, die ich nicht „an eigenem Leibe erfahren habe“?

Einerseits geht das durchaus, Toleranz und offene Gesprächsbereitschaft vorausgesetzt, andererseits gibt es das, was ich „Selbsthilfegruppen-Prinzip“ nenne, dass sich nämlich gleich Betroffene besonders gut und hilfreich verstehen. Ob eine gemeinsame Krankheit oder der Verlust eines Kindes oder der Umgang mit Suchtproblemen: In einer Selbsthilfegruppe treffen Menschen aufeinander, die sich genau in den Anderen/die Andere einfühlen können, weil sie dasselbe Schicksal teilen. Da ist dann sogar das berühmte „sich-ohne-Worte-verstehen“ möglich, denn die gemeinsame Betroffenheit schweißt auf besondere Art und Weise zusammen. Verstehen geht weiter bzw. tiefer als bei jedem anderen Gesprächspartner, der ähnliches nicht erlebt hat. Selbst bei guten Freundschaften, in Ehen und Partnerschaften gibt es sonst nur das ehrliche Eingeständnis, „nein, das kenne ich nicht“ – dein Leid, dein Schmerz, deine Trauer, deine Fragen – sie bleiben mir ein Stückweit fremd, denn das habe ich (noch?!) nicht durchmachen müssen.

In diesen Tagen, an denen der Gemeindebrief erscheint, sind wir mitten in der Passionszeit. Zeit zum Nachdenken über fremdes Leiden und eigenes  Leiden. Wo finde ich Kraft? Oft fühle  ich mich unverstanden und allein, dann ist mir nach Klage zumute und ich rufe zu Gott: „Mach du erst mal durch, was ich grad durchmachen muss“.... doch kaum ist der Gedanke zu Ende, da wird mir schon Gottes Antwort bewusst: „Hab ich ja!“ Im Gebet sitze ich gewissermaßen mit ihm zusammen in einer Selbsthilfegruppe: Jesus sitzt als Mensch an meiner Seite mit seinem Verstehen. Und ich bin froh und dankbar, dass der Gott der Bibel kein thronender, weltentrückter, allmächtiger, über allem schwebender Gott ist, sondern ein mitfühlender, mitleidender, ohnmächtiger Gott: im Blick auf Jesus, sein Leben, sein Leiden, wird mir deutlich: Gott ist nichts menschliches fremd. Als Mensch Jesus durchlebt er alles, was menschliches Leben so mühsam, schmerzlich, aber auch kostbar macht; sogar den Tod!
Sein Verstehen reicht tief; so tief, dass es mich auffängt und trägt, auch wenn ich nicht mehr weiter weiß.

Vielleicht entdecken Sie in diesen Tagen der Passionszeit diesen Gott, der Ihnen ganz nahe kommen will und kann. Das wünsche ich Ihnen von Herzen.

„Es heißt, dass einer mit mir geht. Der’s Leben kennt, der mich versteht. Der mich zu allen Zeiten kann geleiten. Sie nennen ihn den Herren Christ, der durch den Tod gegangen ist. Er will durch Freud und Leiden auch mich geleiten. Ich möcht, dass er auch mit mir geht.“

Ihre Pastorin

Erler sign klein

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