"Hauptsache gesund"

Eine persönliche Darstellung von Eva Leitinger

„Hauptsache gesund“  - wie sehr ich diesen Satz hasse! Wenn das die Hauptsache wäre, müsste ich den ganzen Tag Trübsal blasen und mein Leben hätte keinen Sinn  -  keine „Hauptsache“  -  mehr. Oder noch nie gehabt. Ich habe einen angeborenen Herzfehler, deswegen bisher sechs Operationen hinter mir und noch einige andere Krankheiten dazubekommen. Da bleibt von Gesundheit als „Hauptsache“ nicht viel übrig. Was die sechste Herzoperation hätte bedeuten können, war uns allen klar. Es gibt schließlich nicht viele Überlebende nach sechs Herzoperationen und ich habe leider schon einige herzkranke Freunde und Freundinnen verloren. Aber dass auch ich sterben könnte und jeder Augenblick ein besonderes Geschenk an mich ist, weiß ich eigentlich schon seit meiner Kindheit. Nun ist es nicht so, dass ich nie Angst habe oder jammere, doch ist da in mir diese glucksende Lebensfreude und dieses wunderbare Genussgefühl, jeden Tag erleben zu dürfen. Die Erwartungshaltung der Menschen an die Ärzte und an die Medizin lässt mich oft den Kopf schütteln. Manchmal glaube ich fast, in Deutschland darf man nicht mehr sterben, ohne mindestens einmal reanimiert zu werden. Behinderte Kinder zu bekommen, ist fast unanständig, denn die sind ja nicht „Hauptsache gesund“. Doch eigentlich empfinde ich mich mit meiner Behinderung als viel glücklicher und zufriedener als die meisten tatsächlich körperlich Gesunden.

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