Geistliches Wort

Pilger erleben: Die Seele geht immer zu Fuß

(gelesen im Schaukasten Der Gute Hirte Jenfeld)

Liebe Leserinnen und Leser,

wer pilgert, macht diese wichtige Erfahrung. Wer zu Fuß geht, bei dem kommt die Seele mit. Wer nicht pilgert, erlebt das entsprechend als negative Erfahrung. Die Seele kommt nicht mehr mit, sie hinkt immer hinterher. Das Leben ist so schnell geworden, das Tempo so rasant, dass ich nicht mehr mitkomme. Die Seele befindet sich sozusagen im permanenten Jetlag. Nur ein Beispiel: Früher ging man zu einem Fußballspiel. Bei der WM flog Franz Beckenbauer mit dem Hubschrauber zu fast jedem WM-Spiel, bis zu dreien am Tag. Das ist Wahnsinn, und das sah man ihm oft auch an. Aber so scheint unser Leben zu sein. Und noch viel gravierender als die schnellen Verkehrsmittel hat der elektronische Datenfluss unser Leben verändert. Gegen die weltverbindenden Datenautobahnen ist die A7 nur noch eine Schneckenpost.

Die Pilger entdecken, wie gut es tut, mal wieder zu Fuß zu gehen, ohne Telefon oder Notebook im Rucksack. Da holt die Seele einen endlich wieder ein und kann Schritt halten. Ein Pilger findet wieder zu sich selbst und merkt, dass es wichtiger ist, auf dem Weg zu sein, statt einem Ziel nachzujagen. Und die wunderbare Erfahrung kommt hinzu, dass er dabei nicht allein ist. Andere sind mit unterwegs. Wenn die Seele mit kommt, öffnet sich auch wieder der Blick für die Nächsten. Wer pilgert, findet Weggefährten und Freunde.

Wohl nicht immer kann jeder wie ein Pilger leben. Aber gelegentlich gilt es für jeden, Abstand von der herrschenden Hektik zu gewinnen und die Seele wieder bei sich ankommen zu lassen. Sonst wird man krank und hält die Dinge, wie sie laufen, am Ende noch für normal oder gar gottgegeben. Doch Gott jagt uns nicht von Ziel zu Ziel, das tut doch der Mensch selber. „ER erquicket meine Seele und führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen“, lautet der dritte Vers von Psalm 23. Ich verstehe das so, dass unser permanenter Galopp nicht gottgewollt ist. Und ich wünsche mir für mein Leben, eher zu pilgern als zu jagen. Ihnen wünsche ich das übrigens genauso.

Ihr Christoph Karstens

Joomla templates by a4joomla