Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu , du mein Leben.

 So beginnt ein Weihnachtslied, das Paul Gerhardt 1653 gedichtet hat. Seine tiefe Nachdenklichkeit rührt viele Menschen noch heute. Nebenstehendes Bild, ein Holzschnitt von Hans-Georg Annies, ist da gegen noch jung; es stammt aus dem 20.Jahrhundert. In seinem Zentrum liegt das neugeborene Kind. Nicht einmal in einer Krippe, sondern auf dem Fußboden, nur auf eine Deckegebettet, liegt es da. Und rundherum gehen Menschen, wir sehen es an den Füßen. Das Bild erinnert an Situationen, die wir aus unserem Leben kennen: ein Verkehrsunfall oder irgendein anderer Zwischenfall – ein Mensch liegt am Boden – und um ihn sammeln sich Leute. Viele wollen nur schauen, neugierig, sensationslüstern, andere wollen helfen, blicken anteilnehmend, andere gehen dem am Boden Liegenden bewusst aus dem Weg. Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen, dichtete Paul Gerhardt. In dem Bild von Hans-Georg Annies zeigt der neugeborene Jesus keine niedlichen Züge, wegen derer die Leute sagen: Oh, was für ein süßes baby! Das Kind liegt da mit weit ausgebreiteten Armen – in Gestalt eines Kreuzes. Seine Hände und Füße sind bereits gezeichnet mit den Wunden, die Jesus später bei seiner Kreuzigung zugefügt werden. Er, der Gott unter uns Menschen vertritt, lebte ein Leben in Niedrigkeit, vom Anfang bis zum Ende. Um uns in unseren „Niedrigkeiten“ nahe zu sein. Nicht nur in den Hoch-Zeiten des Lebens steht Gott zu uns, sondern auch und gerade dann, wenn wir „down“ sind. Das ist diesem kleinen Jesus anzusehen.

 Aber wollen wir das sehen? Wollen die Leute es sehen, die um ihn herum stehen oder herum gehen? Wer sie sind, was sie sind, kann ich nur aus ihren Schuhen schlussfolgern. Einige stecken in flachen Laufschuhen, so wie auch ich sie meist trage, aber da sind auch Schuhe mit hohen Hacken, da sind derbe Stiefel, Bauernstiefel oder Militärstiefel und hohe, schlanke Stiefel und..... nackte Füße. Ich glaube, der Künstler möchte, dass wir unsere eigenen Füße in dem Bild erkennen. Bis auf Wenige gehen alle im Kreis um das Kind herum. Es liegt ihnen im Weg und  stört sie bei dem, was sie gerade vorhaben: dem Besuch bei einer Freundin oder dem Weihnachtseinkauf oder dem schnellen Weg zur Arbeit. Aber einige Personen sind stehen geblieben. Rechts in der Mitte zeigt ein Paar Männerschuhe auf das Kind: da hat sich also einer dem Kind zugewandt. Ob bewundernd oder anbetend oder verächtlich, das kann ich nicht erkennen. Und die nackten Füße gegenüber sind auch dem Kind zugewandt. Ist da Jemand zu arm um sich ein Paar Schuhe leisten zu können? Darüber sehe ich nicht nur Füße, sondern ein Paar Knie, die sich beugen: lässt sich da Jemand nieder, um nach dem Kind zu sehen? Um ihm zu helfen? Um es aufzuheben? Um es anzubeten?

Einige also halten inne, doch die meisten gehen weiter.

Weihnachten wird uns Jesus Christus gewissermaßen in den Weg gelegt, um zu zeigen, dass Gott bei uns ist auf unseren Wegen. Durch Jesus Christus trifft uns sein Zuspruch; aber auch sein Anspruch. Das ist diesem Bild deutlich abzulesen: aus großen, lebendigen, weit aufgerissenen Augen schaut mich das Jesus-Kind an. Wo stehe ich? Wie stehe ich zu diesem Jesus Christus, der den Weg der Niedrigkeit gegangen ist, um mir nahe zusein? Schaue ich auf ihn herab? Nehme ich ihn überhaupt wahr? Ich finde, das Bild stellt mir, stellt jedem Betrachter, eine Frage: wie stehe ich zu dem Kind in der Krippe? Hält die Art, wie ich lebe, mich von ihm ab? Bin ich aufgeschlossen genug, mich ihm zuzuwenden? Kann ich wirklich aus vollstem Herzen mitsingen:

Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben?

Wo stehe ich? Diese Frage wird mich begleiten durch die Adventswochen und Weihnachtstage und Sie vielleicht auch.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen friedvolle und besinnliche Feiertage.

Ihre Pastorin Sabine Erler

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