Jahreslosung 2005

Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.
(Lukas 22, 32)

Dass der Glaube aufhört, ist immerhin eine Möglichkeit. Sogar Jesus selber rechnet damit. So etwas kommt vor, gelegentlich, etwa bei Erfahrungen von Krankheit, Verlust oder Tod. Eine beängstigende Möglichkeit. Wenn der Glaube aufhört, wird das Leben wohl einfacher, aber auch flach, leer und öde.

Was noch viel häufiger vorkommt, ist ein gewisser Rest-Glaube. Unter vielerlei Vorbehalt und von Zweifeln durchsetzt. Eine verbreitete Redensart sagt, der Zweifel gehöre zum Glauben dazu. Als Beobachtung mag das zutreffend sein: die Mischform ist sicherlich der Normalfall unter uns. Man ist sogar stolz auf seine Zweifel, zeigen sie doch, dass man selbständig denken kann. Doch bei näherem Hinsehen sind die Zweifel oft klischeehaft erstarrt, hundertmal wiederholt, ohne dass man sich noch einmal um die Sache bemüht hätte. Oder sich auch nur erkundigt, ob denn die in Zweifel gezogene Glaubensvorstellung (beispielsweise der beschützende Gott, der alles Böse von uns abwendet) überhaupt wahrer Glaube ist oder nicht vielmehr der alte Kinderglaube, aus dem wir ohnehin über kurz oder lang herauswachsen mussten.

Der wahre Glaube selber ist nichts Endgültiges, das man für immer sicher hätte. Kein fester, unveränderlicher Besitz, sondern immer wieder gefährdet, angefochten und erschüttert; gerade daran erkennt man ihn. Und dann nimmt er auch einmal wieder zu. Es gibt keinen Stillstand. Glaube und Zweifel in ein ausgeglichenes Verhältnis zu setzen, ist nicht möglich. Das Lob des Zweifels ist eine Verharmlosung. Wahrer Zweifel ist schmerzhaft. Und die Kälte, die zurückbleibt, wenn der Schmerz nachgelassen hat, ist das Schlimmste. Der Glaube lässt sich nicht für länger entbehren. Wo er verloren geht, wird eine wunderbare Kraft vom Leben abgezogen. Und was bleibt, ist ziemlich trostlos.

Um den Glauben zurück zu gewinnen, könnte man sich eine Zeit der Besinnung nehmen. Man könnte das Gespräch mit anderen suchen. Oder man könnte sich in die Literatur zum Thema vertiefen. Lauter vielversprechende Ansätze. Aber ob das alles reicht, ist dennoch ungewiss. Es ist ja beim Glauben nicht so wie bei den Sprachkenntnissen, die wir mit etwas Mühe und Ausdauer jederzeit wieder auffrischen können. Eigentlich bräuchten wir Hilfe von weiter außen. Eigentlich müssten wir um unseren Glauben beten. Zu eben dem Gott, an dem wir zweifeln...

Eine vertrackte Situation. Aber da kommt Jesus ins Spiel. Der macht sich stark für unseren Glauben. Der betet für uns. Einerseits bringt er unsere meist nur halb bewusste, selten ganz ausgesprochene Bitte um Glauben vor Gott. Andererseits reicht er uns die Hand. Und wenn unsere Hand schon lange nicht mehr ausgestreckt ist - er stößt uns an. Ganz sacht. Aber wir können es merken.

Mit den besten Wünschen für das Jahr 2005

Ihr Pastor Stefan Kramer

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