U1 Wandsbek Markt – Norderstedt

Es ist lange her, ich hatte längst vergessen, was mich an der allmorgendlichen U-Bahnfahrt zur Arbeit damals so störte. Ich wurde gezwungen zu lesen, was ich nicht wissen wollte, man hatte mich mit Schreckensmeldungen bombardiert, die ich so früh bis dato nicht vertrage. Hätte ich „Bild“ lesende, frühstückende Arbeitskollegen gehabt, ich hätte sie wohl gehasst.
Mein Leben ist nun ein ganz anderes geworden. Morgens versuche ich positiv und gut gelaunt dreinzuschauen, schicke meine Kinder zur Schule, wünsche ihnen Glück für den Arbeitstag. Ich fahre kaum noch U-Bahn, und schon gar nicht frühmorgens – bis zu jenem Sommertag…

U1 Wandsbek Markt – Norderstedt. Das Schicksal will, dass mein Gegenüber die Zeitung aufschlägt. Zugänglich ist mir die Rückseite mit den Bildern der Beerdigung des kleinen Jakob. Ich lese etwas… Die arme Mutter: tapfer und gefasst, die vielen Kränze, die Menschen mit gesenkten Köpfen. Von der Mutter des Täters ist die Rede. Das alles nimmt mich natürlich mit…ich habe ja selber Kinder! Die Zeitung ist fast zu Ende gelesen, der Besitzer macht sich nun ebenfalls über die letzte Seite her und gibt mir den Blick auf die Schlagzeile frei: „Einbruch bei Bohlen, Estefania in Angst!“ – Meine Benommenheit platzt jäh wie eine Seifenblase und ich schnappe nach Luft! – Der „Bild“ – Leser steigt am Hauptbahnhof aus und zu meiner Befriedigung landen Dieter B. und Estesoundso postwendend im Mülleimer.

Zum Glück muss ich noch bis Norderstedt, das Geschehen auf der Rückseite wirkt nach und ich darf meinen Gedanken nachhängen. Ich fühle eine Seelenverwandschaft zwischen den beiden Frauen und mir. Unser Jüngster und unser Ältester – das wären ungefähr Opfer und Täter. Ich versuche mich in die Rollen der Mütter zu versetzen… Die Mütter – das sind zwei Menschen, die einander wirklich helfen können, nicht nur trösten, sondern helfen: mit Gottes Hilfe den Frieden ihrer Seelen wiederzufinden!

Das Rauschen der Bahn tut gut, die Morgensonne in den Blättern, der laute Wind… Als ich aussteige, bin ich versöhnt. Was sie wohl machen, und wie es ihnen wohl geht? Niemand spricht mehr von ihnen. Geblieben ist uns nur das Geschwätz von Dieter B., das die Welt nicht braucht und das weder mein Herz, noch meinen Verstand erreicht.

Die Autorin lebt in Barsbüttel und ist der Redaktion bekannt

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