"Trenne dich doch von mir!"

sagt Abraham zu Lot, der Onkel zu seinem Neffen; so wird es erzählt im Ersten Buch Mose im 13. Kapitel. Beide Männer haben große Herden, aber die Flächen reichen nicht aus, um die Herden alle zu ernähren. „Das Land konnte es nicht ertragen“, heißt es. Das Überleben so vieler Schafe und Rinder auf so engem Raum ist fraglich, an eine Vermehrung des Wohlstands ist nicht länger zu denken, und sehr rasch könnte der Reichtum in Armut umschlagen. Die Atmosphäre ist dementsprechend gereizt. Unter den Hirten ist schon ständig Zank, und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, dass auch die Familien miteinander in Streit geraten.

Es geht nicht (wie bei uns in Barsbüttel) um eine schon akute Krise und ein schon jetzt in Frage gestelltes Überleben; Abraham schaut weit voraus in eine sich verdüsternde Zukunft, die er beizeiten abwenden möchte. Aber es geht (wie bei uns) um neue Regionen, nach denen hin man sich orientiert, und in denen man ein neues Wirkungsfeld zu finden gedenkt.

„Trenne dich doch von mir!“, das sind sehr deutliche Worte - aber doch nicht zum Erschrecken. Sicherlich geht es in den biblischen Geschichten öfter um Gemeinschaft, die entsteht, wächst, groß wird, sich bewährt. Gott erscheint als derjenige, der Gemeinschaft stiftet und fördert; der zusammenfügt, was der Mensch nicht scheiden soll. Aber es gibt doch auch viele Abschiedsworte und Abschiedsgeschichten in der Bibel, und oft hat der Abschied durchaus sein Gutes; die Geschichte vom Abendmahl ist ein bekanntes Beispiel, oder die von der Himmelfahrt Christi. Und immer fängt mit dem Abschied auch etwas Neues an.

Manchmal ist so ein Abschied aber auch kein Unglück und Verhängnis, sondern nötig um der Klarheit willen. Gemeinschaft muss auch beendet werden können, wenn sie nicht mehr trägt, und wenn das Verbindende immer weniger wird. Es gibt Geschichten von Spaltungen, Scheidungen, Sonderwegen, immer wieder. Wer die Sache Gottes ernst nimmt, wird immer wieder vor der Entscheidung stehen, was er oder sie noch mitmachen und mittragen kann, und was nicht mehr.

Ganz anders liegen hingegen die Dinge in der Trennungsgeschichte von Abraham und Lot. Hier geht es nicht um die großen Kategorien von Gut und Böse, Wahr und Falsch; beide Männer, die sich hier voneinander trennen, befinden sich auf dem richtigen Weg. Die Notwendigkeiten sind unmittelbar einleuchtend, sobald man sich einmal traut, darüber nachzudenken. Da ist es gut, wenn einer sich aufrafft und Klartext spricht: Es muss etwas passieren. Die Frage ist nur noch, wohin der eine geht, und wohin der andere. Abraham lässt dem Jüngeren die Wahl; der entscheidet sich, nimmt das, was ihm als das bessere Teil erscheint, und beide gehen auseinander.

Was an der Geschichte auffällt, ist ihre Nüchternheit. Gewiss, man hat ein halbes Leben miteinander zugebracht. Aber die andere Hälfte, oder der erste Abschnitt dieser anderen Hälfte wird nun eben anders aussehen. Was war, wird dadurch nicht entwertet. Es wird nichts schöngeredet oder schlecht gemacht, gar nicht groß lamentiert und nicht einmal richtig Abschied genommen; jedenfalls wird nicht davon erzählt. Die Entscheidung wird getroffen, und man geht. Nicht um sich aus den Augen zu verlieren: die Verbindung, die herzliche Verbindung bleibt, und Abraham wird Lot noch einmal aus großer Gefahr erretten, wenn Sodom und Gomorra untergehen. Aber die Trennung ist vollzogen.

Und noch etwas Auffälliges: Abraham ist ein Mann, der auf Gott hört. Der tut, was Gott will; der geht, wohin Gott will. In dieser Angelegenheit jedoch hat Gott keinen erklärten Willen. Wenn Abraham sich entscheidet, dann ganz aus der Situation heraus. Da ist kein Gehorsam im Spiel, kein Glaube, kein Vertrauen; Abrahams Entscheidung ist eine ganz und gar menschliche, vorläufige und fehlbare: es spricht mehr dafür als dagegen, jedenfalls scheint es im Moment so. Absolute Richtigkeit ist nicht zu erwarten. Und doch ist es offenbar richtig so, wie Abraham sich entscheidet, und dass er es überhaupt tut. Die ganze Geschichte wird erzählt als eine Vorbildgeschichte: als ein Vorbild für Initiative und Entscheidungsfreudigkeit will der Erzähler Abraham darstellen.

Und offenbar ruht ein Segen auf dieser Entscheidung, und wenigstens auf Abraham wird dieser Segen auch ruhen bleiben. Wie zum Zeichen seines Einverständnisses wiederholt Gott gleich nach der Trennung noch einmal seine große Verheißung.

Wie das mit dem Segen Gottes auf unserer Entscheidung für Barsbüttel bestellt ist, lässt sich selbstverständlich nicht voraussagen. Wir wissen nicht, wie es im Einzelnen weitergeht, und was genau für Folgen aus der Entscheidung für uns erwachsen: im Guten wie im Bösen. Getan werden musste etwas, und wir haben versucht, etwas zu tun - lassen Sie uns nun miteinander zusehen, dass aus dieser Entscheidung etwas Gutes wird. So viel an uns ist, lassen Sie uns tun. In der Hoffnung und im Vertrauen darauf, dass Gott seinen Segen dazu gibt.

Ihr Pastor Stefan Kramer

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