Die Weihnachtsbaumengel

Sie sind zu zwölft und es sind wohl die traurigsten Weihnachtsengel der Welt. Jeder hat ein geflochtenes Röckchen aus Stroh, einen Heiligenschein, Flügel und ein rotes Band zum Aufhängen. Leider haben sie die grünen Tannenzweige noch nie gesehen. Sie fristen ihr Dasein in einer Ecke des Kartons mit dem Christbaumschmuck - schon lange - seit dem ersten Weihnachtsfest in der, damals neuen, Wohnung.

Endlich...endlich konnten wir uns den Wunsch erfüllen, einen großen Baum aufzustellen. Raumhoch sollte er sein und mit jeder Weihnacht sollte er schöner und prächtiger werden!
Als Grundausstattung kamen sie mit Kerzen und Kugeln ins Haus - die Engel. So aufwendig sie von Hand gearbeitet sind, hatten sie doch nur ein paar Pfennige gekostet und das nach einer Reise um die halbe Welt. Sie sind "Made in Bangladesch".

Da schweiften meine Gedanken dann ab: Bangladesch - Bürgerkriege, 1985 verheerende Flutkatastrophe, dichte Besiedelung, Islam, kaum Schulbildung (80% Analphabeten). Ich habe die Engel nicht aufgehängt, weil ich mich schämte! ...und doch, in ihrer Ecke im Karton erfüllen sie einen Zweck: machen mir jede Weihnachten aufs Neue bewusst, dass wir die Mutter Erde mit anderen teilen. Unser Wohlstand, unsere Traditionen sind nicht alles, was hier ein Zuhause hat.

Ich spende Geld für die Kinder der dritten Welt, doch viel lieber würde ich deren Eltern für ihre Arbeit angemessen bezahlen! Ein jedes meiner Kinder hat nach den Engeln gefragt und jedem habe ich versucht zu erklären...und dass sie dankbar sein müssen!

Ich hoffe, sie nehmen das Bewusstsein mit in ihr Leben. Vielleicht möchten sie irgendwo und irgendwann mit anpacken und die Weihnachtsbaumengel helfen ihnen, sich zu orientieren - eben wie Engel!

Die Autorin lebt in Barsbüttel und ist der Redaktion bekannt.

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