Skandal oder Skandälchen

Die Zeiten werden für uns als Kirchengemeinde nun fast schon von Monat zu Monat schwieriger. Die finanziellen Mittel gehen rapide zu Ende; es ist absehbar, dass die Zahl der Stellen sich nicht halten lassen wird. Wir machen vieles noch: in dem Bewusstsein, dass wir es irgendwann demnächst nicht mehr werden machen können, oder jedenfalls nicht so. Das ist nicht immer leicht zu verkraften. Die Nerven liegen bloß.

Vermutlich ist es deshalb, dass ich von Fall zu Fall wütender reagiere, wenn wir nicht für voll genommen, ausgenutzt, missbraucht werden. Einige Menschen nehmen uns gerade noch einmal in Anspruch - und verlassen uns dann. Ganz unbekümmert darum, ob sie damit künftig anderen Menschen eben dieselbe Möglichkeit verbauen, von der sie selber Gebrauch gemacht haben. "Nach uns die Sintflut", scheint das Motto zu lauten.

Es gibt - Gott sei Dank! - immer noch Menschen, die Kirchenmitglied bleiben. Es gibt viele, die am kirchlichen Leben teilnehmen, mitdenken, mithelfen, mitarbeiten. Und es gibt viele, die, ohne selber ihre Distanz aufzugeben, doch mit dafür sorgen, dass wir unsere Arbeit tun können (diejenigen, für die wir sie tun, zahlen in der Mehrheit keine Steuern!). Die Idee der Solidargemeinschaft ist noch nicht tot. Aber es gibt eben auch andere, die es nicht einsehen, weshalb sie für Leistungen bezahlen sollen, die sie selber nicht - oder nicht mehr - in Anspruch nehmen. Und meine Befürchtung ist, dass diese Leute für heutige Zeiten fast schon "normal" denken.

Aber es hilft nun einmal nichts: die Arbeit, die wir tun, muss bezahlt werden. Und es ist ja nicht so, dass wir nichts zu tun hätten.

Beispielsweise die Taufanfragen überschwemmen uns zeitweise geradezu. Darüber freuen wir uns natürlich. Doch nicht alles, was an uns herangetragen wird, ist ein Grund zu reiner Freude. Manchmal geht es wohl hauptsächlich um die Show. Nun könnten wir vielleicht auch darauf stolz sein, dass man uns das zutraut: die beste Show.

Aber so recht wohl ist mir nicht dabei. "Ja, mit Gottes Hilfe" - nichts als schöner Schein? Da spiele ich nicht gerne mit.

Zwei Fälle, aus dem Leben gegriffen. Da ist zum Beispiel Frau Daniela L., die Patin werden soll. Die Taufunterlagen sind beisammen, das Taufgespräch wird geführt, die Taufe findet statt: am 29. Mai. Da ist Frau L. bereits seit zwei Wochen nicht mehr Mitglied der Kirche: am 15. Mai ist sie ausgetreten. Zwei Tage nach der Taufe haben wir die Austrittsmeldung in der Post. Das Kind wächst nun ohne Patin auf (einen Paten gab es nicht).

Oder Herr Jörg E., der kirchlich heiraten möchte. Seine zukünftige Frau ist nicht in der Kirche. Dennoch wird sein Wunsch erfüllt, nicht zuletzt in der Hoffnung, der Braut gegenüber ein Signal des Entgegenkommens zu setzen. Die Traugespräche werden geführt, die Braut entrichtet den fälligen Unkostenbeitrag von € 150, die Trauung findet statt: am 1. August. Es ist eine kirchliche Trauung ohne alle Abstriche, "erster Klasse" sozusagen (also nicht etwa, wie eigentlich vorgeschrieben, ein so genannter "Gottesdienst anlässlich der Eheschließung zwischen einem evangelischen Christen und einer Nichtchristin"). Am 21. August tritt Herr E. aus der Kirche aus.

Rückgängig zu machen ist da von unserer Seite nichts. Wir sind die Doofen - daran gibt es nichts zu drehen. Ist es das also wert, sich aufzuregen? Ich kann nicht anders! Auch wenn die Wut eine ohnmächtige ist: besser als immer nett bleiben, schweigen und den Ärger in sich hineinfressen, finde ich. Und am liebsten hätte ich natürlich Menschen, die sich mit aufregen. Und vielleicht sogar einen Rat wissen, wie man in solchen Zeiten mit solchen Vorkommnissen umgeht.

Was meinen Sie?

Stefan Kramer

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