Wie ein aufgeschlagenes Buch

Kirchenräume lassen sich lesen wie Bücher. Gewiss, das Entscheidende bleibt unlesbar: dass Gott oft dort war, und dass sein Wort dort wirkte, ist allenfalls an der halb unbewussten Ehrfurcht abzulesen, die wir spontan empfinden. Gebete färben nicht ab, und auch der Segen hinterlässt keine greifbaren Spuren. Aber der Kirchenraum hat selber seine Botschaft. Wir erfahren, wie die Menschen, die ihn zuerst gewollt und geplant, gebaut und ausgestattet haben, dachten, fühlten und glaubten. Wie sie sich Gott vorstellten, und wie die Gemeinschaft der Heiligen. Das ist in jedem Fall ein kostbares Vermächtnis. Und wenn wir uns zu verschiedenen Zeiten in dem Raum aufhalten, uns mal hier, mal dort hinstellen oder hinsetzen und uns lange genug umschauen, bringen wir es wieder zum Sprechen.

Wer als Tourist in die Barsbütteler Kirche kommt, um sie zu besichtigen, wird enttäuscht sein. Da gibt es nichts, was einen längeren Weg wert wäre. Unter ästhetischen Gesichtspunkten wird einiges sogar Anstoß erregen (etwa auf die Kombination von knallgrüner Holzdecke und türkisfarbenen Bänken muss man erst einmal kommen!). Kaum etwas für die Gegend oder die Erbauungszeit Typisches lässt sich erkennen. In einer so konservativen, "zeitlosen" Formensprache hätte ebenso gut in den 20er oder 30er Jahren gebaut werden können.

Aber derselbe Besucher würde doch ins Nachdenken und Staunen kommen, wenn er erführe, wie sehr diese Kirche von den Einheimischen geliebt wird, alten und neuen und auch denjenigen, die nicht mehr hier wohnen und doch immer wieder zurückkehren zu "ihrer" Kirche. Für die evangelischen Barsbütteler ist ihre Kirche wohl die schönste überhaupt. Auch wenn das Innere, zugegeben, mittlerweile ein wenig abgenutzt aussieht ("abgeliebt" wie die Stofftiere unserer Kindheit). Das macht nichts: nach wie vor spiegelt die Kirche die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen hier am Ort wider und ist offenbar genau diejenige, die gebraucht wird.

"Gut, dass sie nicht so groß ist!" höre ich oft. Man findet sich auf Anhieb in ihr zurecht. Sie hat nichts zu verstecken; auf einen einzigen Blick von hinten nach vorn kann man alles erfassen. Es ist selbstverständlich ein sakraler Raum, in dem man sich befindet, aber der Eindruck drängt sich doch nicht auf. Eher lässt das Ganze an ein geräumiges Wohnzimmer denken; der Teppichboden passt dazu, und auch der völlig bekleidete Christus am Kreuz. Ganz schnell stellt sich ein Gefühl von Geborgenheit ein. Aber nun nicht wie in einem Nest oder einer Höhle; nicht im Sinn einer verschworenen Gemeinschaft, die sich gegen die Außenwelt abschirmt. Durch die vielen großen Fenster zu beiden Seiten fällt viel Licht ein. Der Blick nach draußen bleibt unverwehrt. Und draußen, da ist die Nachbarschaft, und die Kirche ist selbst ein Haus dieser Nachbarschaft: nur ein wenig größer, nur ein wenig schöner.

Diese Kirche will offensichtlich ein Stück Heimat sein (dazu muss man gar nicht wissen, dass sie hauptsächlich von Heimatvertriebenen erbaut wurde). Mit den sehr bescheidenen Mitteln, die man hatte, wurde etwas Grundsolides errichtet, kein Provisorium. Man wollte hier nicht wieder weg. Auch die Möblierung ist entsprechend: schlicht, aber würdevoll (schwarz, mit roten Rändern abgesetzt) und ziemlich schwer. Der Altar und das Lesepult stehen ganz fest, und die Kanzel, der Gedenkbuchständer und die Taufe verjüngen sich nach unten und sollen (so vermute ich) wie mit der Spitze eines Pfeils auf die Erde zeigen, den festen Boden, den man unter den Füßen haben und behalten möchte.

Kein Wunder, dass da nichts Zeltartiges ist, wie in vielen anderen Kirchen derselben Zeit; die biblische Vorstellung vom wandernden Gottesvolk konnte hier nicht zum Tragen kommen. Wenn die Form unserer Kirche mich an irgendetwas erinnert, dann am ehesten an einen Reliquienschrein. Doch darin werden nun keine heiligen Gebeine oder dergleichen aufbewahrt, sondern das Wertvollste, was wir haben, der größte Kirchenschatz: die Menschen selbst. Und die sollen sich gut darin aufgehoben fühlen, ohne alle theologischen Ansprüche. Bis auf einen: das Schmuckstück unserer Kirche, das runde Fenster über dem Altar. Aber es hat einen guten Sinn, alle Theologie gerade auf dieses eine Bild zu reduzieren: den Heiligen Geist, wie er in Gestalt einer Taube im Lichtstrahl zu uns herunterkommt.

Stefan Kramer

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